Vor der Finsterwalder Straße 16 wurde vor wenigen Tagen eine Litfaßsäule erneuert. Viertelreporter Kiez im Visier entdeckte die Veränderung und erfuhr bei einem Gespräch mit einem Anwohner, dass dort schon immer eine solche Säule gestanden habe. Doch ein Blick in das Bildarchiv der Viertelreporter sorgte für eine Überraschung.



Auf einer unserer 360-Grad-Aufnahmen aus dem Jahr 2020 war an dieser Stelle keine Litfaßsäule zu sehen. Ein anschließender Vergleich mit historischen Luftaufnahmen von Google Earth bestätigte die Beobachtung. 2019 stand dort noch eine Säule, 2020 war sie verschwunden und 2021 war wieder eine vorhanden. Wie konnte das sein?
Die Erklärung könnte mit einem größeren Austausch der Berliner Litfaßsäulen zusammenhängen. Anfang 2019 berichtete der Tagesspiegel über den Abbau von rund 2.500 Litfaßsäulen. Nach einem Wechsel der Werberechte musste der bisherige Betreiber Wall zahlreiche ältere Säulen entfernen. Der neue Betreiber ILG Außenwerbung begann anschließend damit, neue Säulen aufzustellen.
Im Juli 2020 waren laut einem Bericht der B.Z. bereits 1.331 Litfaßsäulen wieder an ihren bisherigen Standorten errichtet worden.
Ob auch die Säule vor der Finsterwalder Straße 16 damals aus diesem Grund verschwand, lässt sich nicht abschließend feststellen. Die zeitliche Übereinstimmung ist allerdings auffällig. Damit könnte sich auch erklären, weshalb der Anwohner den Standort als seit jeher vorhanden in Erinnerung hatte, obwohl zwischenzeitlich tatsächlich keine Säule dort stand.
Eine Berliner Erfindung mit mehr als 170 Jahren Geschichte
Die Geschichte der Litfaßsäule begann im 19. Jahrhundert. Der Berliner Drucker und Verleger Ernst Litfaß erhielt 1854 die Genehmigung, öffentliche Anschlagsäulen aufzustellen.
Am 15. April 1855 wurde die erste Litfaßsäule an der Ecke Münzstraße und damaligen Grenadierstraße in Berlin errichtet. Die neue Werbeform sollte unter anderem verhindern, dass Plakate wahllos an Hauswände und Zäune geklebt wurden. Gleichzeitig entstand eine zentrale Möglichkeit, öffentliche Bekanntmachungen und Werbung sichtbar zu machen.
Das Stadtmuseum Berlin beschreibt die Entstehung und Verbreitung der Litfaßsäulen als einen wichtigen Schritt in der Geschichte der öffentlichen Werbung.
Über Jahrzehnte informierten die Säulen über Theateraufführungen, Konzerte, Veranstaltungen, politische Ereignisse und Angebote des täglichen Lebens. Lange bevor Informationen jederzeit auf einem Smartphone verfügbar waren, gehörten sie zu den wichtigsten öffentlichen Werbeträgern.
Auch im Märkischen Viertel stehen noch einige Litfaßsäulen
Wer im Märkischen Viertel unterwegs ist, begegnet bis heute verschiedenen Ausführungen dieser Werbeträger.








Fotos: Viertelreporter Lux


Dabei unterscheiden sich die Bauformen. Neben klassischen Litfaßsäulen, auf denen Plakate aufgeklebt werden, gibt es hinterleuchtete Werbesäulen.
Laut der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität und Verkehr gab es zum 31. Dezember 2025 noch 1.625 Litfaßsäulen in Berlin. Davon befanden sich 71 im Bezirk Reinickendorf.
Drei historische Litfaßsäulen stehen in Reinickendorf unter Denkmalschutz
Nicht alle alten Säulen mussten beim Betreiberwechsel verschwinden. Das Berliner Landesdenkmalamt untersuchte 2019 insgesamt 2.548 vorhandene Litfaßsäulen und stellte fest, dass 24 davon einen besonderen Denkmalwert besitzen.
Wie das Landesdenkmalamt in einer Pressemitteilung vom 8. Juli 2019 erklärte, sollten diese Säulen als Zeugnisse der Berliner Stadtgeschichte erhalten bleiben.
Drei dieser denkmalgeschützten Exemplare befinden sich im Bezirk Reinickendorf.
An der Kopenhagener Straße 10 steht eine Betonsäule, die auf die 1950er Jahre datiert wird. Sie gehört zur denkmalgeschützten Siedlung Paddenpuhl.
Zwei weitere befinden sich an der Septimerstraße 2 und an der Septimerstraße 46, jeweils in der Nähe der Holländerstraße. Auch diese Betonsäulen gehören zu einer denkmalgeschützten Wohnanlage und werden auf die 1950er bis 1960er Jahre datiert. Die genauen Aufstellungsjahre sind uns nicht bekannt. Das Landesdenkmalamt hat die historischen Standorte in einer offiziellen Liste mit Beschreibungen und Fotografien dokumentiert.
Litfaßsäulen gehören seit mehr als 170 Jahren zu Berlin. Ihre Werbung wechselt regelmäßig, manche Standorte bestehen über Jahrzehnte. Andere verschwinden oder werden durch neue Anlagen ersetzt.
Vielleicht kennst du selbst noch eine Litfaßsäule im Märkischen Viertel, die hier nicht erwähnt wurde.
